winseler mühle

Das Ösling, als der Nordzipfel des Landes, sieht seine Grenze zum     Süden mit dem Übergang des Schiefergesteins zu sandigem Boden charakterisiert. Es ist sozusagen auf Schiefergebirge gebettet. Eine andere Definition hat der Volksmund im 19. Jahrhundert geschaffen, sie besagt: „Wo kein Weizen, aber viel Ginster wächst, da fängt das Ösling an.“

Ein Bühnenbild der öslinger Geschichte und Bauernkultur“

lage

Betritt man das wunderschöne organisch gewachsene Ensemble der Winseler Mühle am östlichen Rand des öslinger Dorfes Winseler im Norden von Luxemburg, spürt man einen Hauch der Vergänglichkeit des Lebens. Der einst lebendige Ort, an dem gewohnt, gearbeitet und Erde kultiviert wurde liegt quasi regungslos in der ländlichen Idylle der Ardennen. Das Rauschen des Wassers der „ Wiltz „ ist geblieben, die Gebäude sind jedoch nicht mehr sinnvoll nutzbar, praktisch eine  Ruine  in einer luxemburger Ortschaft.

Das faszinierende ist jedoch zu spüren, hier ist Architektur, es wurde bewusst gestaltet , nicht nur um Nutzungen zu erfüllen, sondern darüber hinaus künstlerisch  die Zeit auszudrücken in der diese Bauten errichtet wurden. Dieses wertvolle Denkmal spiegelt  die Lebensweise der öslinger Bauern  im  19ten Jahrhundert.

Die Bauarbeiten fallen genau in die Übergangsphase der 80 Jahre dauernden Maria Theresia Zeit ( 1714-1794) zur französischen Republik und des späteren Kaiserreiches (1995-1814),  der öslinger Klöppelkrieg ( 1795) hatte gerade stattgefunden. Am Bau kann man die österreichischen und französischen Einflüsse ziemlich genau erkennen. Der Korbbogen, der für die österreichische Zeit steht sowie viele kleine Details, die den französischen Einfluss zeigen.

Diesem Ort wieder Leben einzuhauchen, stimmig,  identitätsstiftend, zeitgemäß, jedoch immer verbunden und erinnernd an  diese einmalige Geschichte, ist der Sinn dieser Arbeit.

Die Winseler Mühle heute

Die Wanseler Millen ist ein authentischer Ausdruck  dieser öslinger Geschichte. Wie vorher schon ausgeführt findet heute kein Leben mehr hier statt, es ist heute eine Ruine in einem luxemburger Dorf, nur das Scheunengebäude dient im Obergeschoss als Lagerplatz für kleine landwirtschaftliche Maschinen.

Das zu einem Innenhof geformte Ensemble besteht heute aus 3 Gebäuden:

  • ein zweigeschossiges ehemaliges Doppelfamilienhaus,
  • ein längliches,  zweigeschossiges schmales Nebengebäude entlang der „rue Lomich“
  • ein großvolumiges, zweigeschossiges Scheunengebäude, senkrecht zur „rue Lomicht“ mit  einem 7,5 m hohen Scheunenraum im Obergeschoß
  • besonders ist der Garten, der begrenzt wird durch liebevoll gestaltete Geländer und Pfeiler auf denen Vasen stehen, die wahrscheinlich den Eindruck wahrscheinlich einen französischen Einfluss haben.

Identität, Einmaligkeit und architekturphilosophische Haltung

 „Wanseler Millen“ Architektonische Umsetzung

Die einmalige Geschichte die dieses Ensemble spiegelt wurde oben kurz beschrieben. Sie wird bestimmt durch einen unglaublich harten Überlebenskampf der öslinger Bauern   im 19 ten Jahrhundert, die im Feld, auf der Wiese und im Wald gearbeitet und gelebt haben.

Dieses geistige Kontinuum kann durch eine bescheidene zurückhaltende, reduzierte jedoch für den Ort stimmige und zeitgemäße Architektur weiter vermittelt werden ohne aber die Freude an spielerischen Architekturdetails zu hemmen und mit der Geschichte und der Geografie  des Ortes im Dialog stehen.

Durch eine klare und einfache Architektursprache  der Geschichte des Ortes verpflichtend, kann der Spagat zwischen moderner zeitgemäßer Architektur im regionalen Kontext und  den besonderen Anforderungen die an diese Bauaufgabe gestellt werden gelingen. Gerade eine einfache moderne Architektur erfordert jedoch eine präzise Detaillierung aller Übergänge um im atmosphärischen Ausdruck nicht in Banalität zu kippen. Hier kann man was Gestaltungsideen und Materialien innen wie außen betrifft mit den regionalen Metaphern spielen.

Eine Besonderheit des Standortes ist die Notwendigkeit des Schutzes der Sockelzone. Ein Stahlbodensockel als Übergangselement zwischen Erde und Kultur gibt dem ganzen Ensemble ein verbindendes Element. Auch   Merkmale typisch und eher karger öslinger Häuser, der Taglohnhäuser, der Kleinbauernhäuser oder der mittelgroßen Bauernhäuser können eine Rolle spielen.

Der Bestand hat eine unglaubliche architektonische Qualität, und es gilt diese Qualitäten nicht zu verschlechtern, sondern zu erhalten und eventuell noch zu steigern.

Das Zweifamilienhaus und das längliche Nebengebäude müssen neu errichtet werden, es werden Neubauten  im richtigen Maßstab,  mit Sinn und Sensibilität, die die stimmige, zeitgemäße bauliche Antwort auf die bestehende Situation geben.

Das Scheunengebäude muss aus denkmalpflegerischer Sicht erhalten bleiben, ebenso der Schieferbogen im ersten Geschoss des Nebengebäudes. Hier liegt der besondere Reiz auf dem Aufeinandertreffen von historischer Bausubstanz und zeitgemäßem Eingriff. Hier kann man die denkmalpflegerischen Qualitäten erhalten und mit Fingerspitzengefühl durch moderne Materialen ein Zeugnis des 21. ten Jahrhunderts geben. Jedes der drei Gebäude hat seine Besonderheiten und trotzdem muss man versuchen ein einheitliches Ensemble zu schaffen, die lebendige Bauplastik weiterentwickeln, wie sie ja momentan schon da ist.

Entwurf Städtebau und Architektur

Die Aufgabe besteht ja darin, das großvolumige Scheunengebäude zu erhalten und neu zu nutzten , das Doppelwohnhaus und das schmale Längshaus entlang der „ rue Lomicht „ wegen schlechtem Bauzustand abzureißen und neuen regional verträglichen wirtschaftlichen Nutzungen zuzuführen.

Formal gesehen bleibt der Scheunenbaukörper im wesentlichen wie er ist, auch mit gleicher regional typischer Dachform. Auch sollten seine Ebenen nicht angehoben werden wegen der Hochwasserschutzzone AQ 100, da sich sonst ungünstige Schnittebenen ergeben bezüglich des Anschlusses an die bestehende Topografie und der neuen Nutzungen.

Das Scheunengebäude sollte von außen als geschlossenes Scheunengebäude erhalten bleiben, neue Funktionen im Obergeschoß bekommen ihr Tageslicht durch ein 80 cm hohes Lichtband, dazu muss das Dach um dieses Maß angehoben werden.

Im Schnitt bleibt das Erdgeschoß somit auf Innenhofebene, hier dürfen die 140 m² nicht für Aufenthaltszonen genutzt werden. Sie sind geeignet für Lagerräume , für Fahrräder, Garagen,  in Verbindung mit unmittelbar am Grundstück vorbeilaufende Fahrradpiste, für Material, für Technikräume, etc…. Das hat gestalterisch den Vorteil, dass die historisch wertvollen Korbbögen aus der Habsburger Zeit erhalten bleiben. Die beiden Obergeschoße können behindertengerecht von der „ rue Lomicht “ erschlossen werden.

In diesen hohen Scheunenraum kann man eine leichte Stahlkonstruktion als Zwischenebene  schieben, eine Galerieebene, die die Schieferwände nicht berührt, zusätzliche Nutzungsfläche. Beim Sitzen an einem Arbeits- oder Esstisch sieht man gerade aus durch das Lichtband zwischen gehobenem Dach und Mauerabschluss in die Landschaft nach draußen. Durch diese besondere Situation, die introvertierte Charakteristik als Scheunengebäude zu erhalten mit dem großzügigen Scheunenraum ist eine kleinteilige Nutzung eher ungeeignet, sie würde die Atmosphäre und die vorhandene Raumqualität zerstören.

Möglich sind Arbeitsplätzte mit einer Betriebsfläche bis zu 250 m².  Hier kann modernes Arbeiten stattfinden, es darf jedoch keine Dunkelkammer werden, Oberlichter sind eine zusätzliche Möglichkeit, zu untersuchen ist ob man zusätzlich Licht von des Außenfassaden erhält ohne den Charakter des Baus zu zerstören.

Eine offene Struktur in einem solchen großzügigen Scheunenraum, der atmosphärisch bestimmt wird durch die Schiefermauern und den Eichendachstuhl, bietet die Möglichkeit, Arbeitsplätze zu schaffen die richtige Wohnorte sind und Freude bereiten. In einer offenen Struktur bietet der freie offene Grundriss viele Möblierungsvarianten und man kann das Büro wie eine kleine Stadt denken, mit neuen Typologien, neuen Lampentypen usw. Der absolute Reiz wäre ein Haubenlokal mit luxemburger Küche an diesem einmaligen geschichtsträchtigen Ort. Eigentlich kann das kleine Ensemble ein kleines lebendiges Dorf werden im Dorf, ein Ort der Integration und der Nutzungsmischung, ein Ort wo man gerne hingeht und gerne wieder zurückkommt.

Da der Kaiserberg innerhalb der Ortsplanung von Winseler schon als Wohnsiedlung konzipiert wurde, erscheint es sinnvoll in der Winseler Mühle Wohnraum mit besonderem Angebot unterzubringen. Der neue Baukörper am „ Bauregaard „ und an der „Wiltz“ wurde daher konzipiert für 4 behindertengerechte Wohnungen, „ betreutes Wohnen„. Dieser Baukörper steht im Dialog mit der „Wiltz“, mit dem Scheunengebäude und seinem Pultdachanbau und mit dem Längsbau an der „ rue Lomicht „ und macht als fehlendes Puzzleteil das Ensembe zur Einheit und zur lebendigen Plastik, eine schon dagewesene Charakteristik.

Die Längswände nehmen die Schwingungen der „ Wiltz „ auf , durch die Knickung des auskragenden Bauteils mit Satteldach entstehen Pultdachfassadenflächen, die sich formal mit dem  Pultdachlängsgebäude an der „ rue Lomicht „ verbinden. Der kleinere Pultdachbereich spielt wieder formal mit dem Pultdachanbau des Scheunenbürogebäudes.

Das eigentlich besondere und identitätsstiftende war ja die Mühle, die nach dem zweiten Weltkrieg jedenfalls nicht mehr vorhanden war. Auf dem Postkartenphoto von 1920 sieht man jedoch noch die Lage der Mühle im vorderen Bereich des Wohnhauses. Eine Skizze zeigt im Kadasterauszug den Verlauf des heute nicht mehr sichtbaren Wasserkanals der die Mühle angetrieben hat. Dieser Ort, an dem sich die Mühle befand, wird jetzt markiert durch einen überdeckten Leerraum, eine sonnengeschützte Terrasse im „Bauregaard“ und an der „ Wiltz“. Eine besonders zu gestaltende Terrasse, die an das Mahlen von Weizenkernen erinnert.

Das Pultdachgebäude befindet sich an der „rue Lomicht„. „Lo“ bedeutet abreißen, schälen, löchern. Die gerbstoffreiche Baumrinde der Eichen wurde abgeschält und zum Gerben verwendet für die Produktion von Leder. Dieses Gebäude spielt mit der Metapher der Baumrinde und will es aufnehmen mit der gestalterischen Qualität des vorhandenen Baus. Eine weiß verputzte Schale ( Baumrinde) kontrastiert mit einem inneren Stahlbaukern (Stamm).

Um eine wirtschaftliche Nutzung für einen Neubau zu ermöglichen, wurde eine Auskragung mit nördlichem Erschließungsgang konzipiert, der aber das Scheunengebäude mit einem 4,4m Abstand im Obergeschoss respektiert. Im Erdgeschoss ein südlicher, offener Erschließungsgang, der den Innenhof räumlich nicht  erdrückt und eine Zuschauergalerie für kulturelle Veranstaltungen im Innenhof sein kann. Insgesamt kann dieser Bauteil dem ganzen einen innovativen, zeitgemäßen Touch geben, ohne den Ensemblecharakter zu zerstören.

Um eine logische Nutzungsvielfalt herzustellen, ein Nutzungsmix, ist das Pultdachgebäude an der „ rue Lomicht“ als multifunktionale, behindertengerechte Box mit angedocktem Erschließungskern konzipiert, als Verlängerung des Kaiserbergs, wie es auch vorher der Fall war. Die  Laubengangerschließungen ermöglichen Nutzungsneutralität und  flexible Raumeinteilungen . Hier kann man im erhöhten Erdgeschoß und im Obergeschoß Wohnfunktionen, Arbeiten, kleine Betriebe, Ateliers etc, unterbringen. So kann der Innenhof ein lebendiger Treffpunkt für die Bewohner und Besucher der Wanseler Millen werden, auch für kulturelle Veranstaltungen, Konzerte, Theater usw. Die Erdgeschoßniveaus des betreuten Wohnens und des multifunktionales Längsgebäudes an der „ rue Lomicht“ sind wegen der Wasserschutzzone HQ 100 um 1m höher als das Naturgelände.

Behindertengerechte Rampen mit 6% Steigung und Zwischenpodests würden den Innenhof massiv beeinträchtigen, die Lösung wurde gefunden, indem die Steigungen des Naturgeländes, hier die steigende Ausfahrtsstraße  so integriert werden, dass sie die behindertengerechte Erschließung ohne Rampen im Innenhof  ermöglichen. Für das Wohngebäude war es daher sinnvoll einen östlichen Eingang vom Innenhof her  und einen behindertengerechten westlichen Eingang zu konzipieren, der das natürliche Gelände für die behindertengerechte Erschließung ermöglicht.